Des Esels Brücke

…zum Ersten:

Wie bereits an anderen Orten beschrieben, lässt mich mein Gedächtnis zuweilen in unterschiedlichsten Situationen im Stich: sei es, dass ich mich völlig orientierungslos im Keller wiederfinde, ohne jegliche Idee, was mich nach unten getrieben hat oder etwa, dass ich mich partout nicht an den Namen der freundlichen älteren Dame erinnern kann, die ein paar Häuser um die Ecke wohnt und in den ungünstigsten Momenten bei mir vorbeispaziert…Dies natürlich ganz in Plauderlaune und total (über-?) motiviert.

Mit ungünstig meine ich zum Beispiel, wenn ich morgens um sechs mit Pijama und zerknautschtem „Ich-bin-noch-nicht-ganz-richtig-wach-Gesicht“ und der entsprechend wenig sortierten Frisur, nur ganz schnell und natürlich geplant inkognito, den Mülleimer rausbringen möchte. Oder weiter, dass ich mit kühlender Antiaging-Gesichtsmaske in Unterwäsche im abendlichen Dunkel kurz zum Briefkasten husche…Sie wissen schon, solche Gegebenheiten eben…!

Naja, in besagten Momenten wäre ich froh, ich wüsste wenigstens den Namen der betreffenden Person, um mich gebührend höflich schnellstmöglich aus meiner unmöglichen Lage verdrücken zu können („Haaach, Frau „Wasweissich“, so schade, dass ich sie gerade jetzt antreffe, genau jetzt ertrinken bei uns die Kinder-äähh Kleider- in der Waschmaschine, ich muss mich wirklich darum kümmern…ohjee, hätten wir uns doch so viel zu erzählen gehabt…nein, wirklich, wie unglaublich beklagenswert, das holen wir bald nach, ganz sicher…!“)

Hier hilft mir in einigen Fällen eine Eselsbrücke aus der Patsche: Hat diese Frau zum Beispiel eine -in meinen Augen- unmöglich toupierte Frisur, welche die spärlichen Haare luftig und durchsichtig rund um den Kopf abstehen lässt und zeigt zusätzlich dazu ihre prägnante Nase deutlich in Richtung Mundbereich, könnte sie vielleicht U-(hu)-rsula heissen! Sind die Augen gross und rund mit weichem einfältigem Blick würde wahrscheinlich Ku-(h)-nigunde passen oder aber die Person heisst möglicherweise Ros-(s)-alia, da ihr Getrampel akkustisch bereits vor ihr bei mir ankommt.

Nun, nicht nur in sozialen Situationen können Eselsbrücken hilfreich sein, also

…zum Zweiten:

Natürlich haben auch Sie bereits des Öfteren auf Prüfungen gelernt…die Eltern unter uns tun dies wöchentlich für unterschiedlichste Schulfächer- oder werden bald in diese ach so stressfreie nicht selbstgewählte Tätigkeit kindlicher Aufgabenbetreuung reinrutschen- und die andern erinnern sich noch der eigenen Schulzeit, bin ich mir sicher!

Na gut, meine Kinder haben meine „Eselsbrücken-Predigten“ fürs „Vocibüffeln“ bereits verinnerlicht: „La tige de ciboulette“ -der „Schnittlauchhalm“ auf Französisch! Aus meiner Warte ein total unterstützenswertes Wort, sollte man doch auf jeden Fall solch essentielle Bereicherungen des alltäglichen Wortschatzes wenigstens in einer Fremdsprache beherrschen: “Bonjour, je suis Verena, ta cousine de Zurich.“ „Salut Verena, est-ce que tu as mangé une tige de ciboulette aujourd’hui?“- reimt sich laut meinem Sohn auf « Rosette », welche einem in den Sinn komme, wenn man sich vorstelle, dass dieser Halm gegessen werde und verdaut und ausgesch…naja, eben…Hauptsache, er kann sich den Ausdruck merken!!

(und nein: ich habe AUSGESCHIEDEN gemeint!)

Die „Gewürznelke“ nennt sich auf Englisch „clove“, was meine Tochter sich bestens merken kann, da dies wie „love“ und damit „lieben“ töne und sie diese Gewürznelke sicher lieben würde, wenn sie wüsste, was eine solche sei…Naja, man könnte jetzt über meine offenbar nicht allzu intensiven Kochlektionen mit meinen Kindern diskutieren oder aber man überlässt der Tochter einfach ihre Eselsbrücke ohne weiteren Kommentar…

…zum Dritten:

Lernpsychologisch gesehen sollte man beim Aufbau einer eigenen Eselsbrücke so oft als möglich mit dem ersten Einfall spielen, also mit der ersten Assoziation zu einem Wort…so knüpfe man an eigene Vorlieben an und mache Lernen individuell!

Nun gut, eine solch kommunizierte eigene Eselsbrücke dürfte also im Umkehrschluss auch einiges über die Verfasserin aussagen…hhmm…Ich gehe das Risiko ein:

Wenn ich überlegen muss, wann das Nachbarskind Geburtstag hat, hilft mir der Satz: „Janu, harre aus!“ (Januar– das Mädchen nervt mich seit Jahren mit Rufen wie: „Duuuhuuuu, was maaaaachsch jetzt?!…Und dääännn???! …Und nachääär??!“)

Oder der Geburtsmonat eines Onkels väterlicherseits: „Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn“ (Auchust= August…Zudem trägt der Mann eine dicke Hornbrille (fast blind) und als krönender Zusatz hat seine Ehefrau ein etwa gleich erfrischendes Wesen wie ein Staubkorn! Ha, sehen Sie? Warum ich mir das Datum dazu merken kann -der 11.­– würde aus der Physis der beiden mehr als ersichtlich…Naja, so wissen Sie jetzt wenigstens, dass Sie ausser der Bekanntschaft meiner Verwandtschaft nichts verpasst haben!)

…des Esels Brücke zum Vierten:

Da ich mich nun schon seit geraumen Zeilen mit Eselsbrücken befasse, komme ich aus meiner Sicht nicht darum herum, auch zu diesem Begriff ein wenig zu assoziieren…Interessant wäre die Frage, –

für MICH interessant, liebe LeserInnen, für mich…sollten Sie also langsam genug haben, mir beim Schreiben zu folgen, verstehe ich das wie immer und würde Ihnen gerne liebenswürdig und verständnisvoll vorschlagen, direkt zum Fünften vor zu scrollen, damit Sie zumindest beim Lesen einen Abschluss finden…unfertige Dinge, selbst Texte, hinterlassen immer ein ungutes Gefühl!

-wie ich mir das Wort merken könnte, würde ich es denn vielleicht einmal vergessen. Hhhmmm…„Ich“ und „Eselsbrücke“, was fliegt da auf, was kommt da her?

Dummerweise habe ich zu diesem Thema tatsächlich -und leider ziemlich unüberlegt, wie es sich herausstellte- meine Familie um freie Assoziationen gebeten. Nun ja, welch ein Frust: Erstens ist keinem von ihnen überhaupt in den Sinn gekommen, irgendeine Gemeinsamkeit zwischen mir und der Brücke zu suchen, geschweige denn zu finden (ICH würde da schon was finden: „stabilisierend“, „verbindend“, „tragend“ und so fort…) und zweitens waren die Übereinstimmungen vom Esel zu mir wie zu erwarten nicht wirklich schmeichelhaft: „Wenn ich an die Farbe denke, kommt mir dein Haaransatz in den Sinn.“ -Wobei ich ja finde, dass ich da vergleichsweise gut weg gekommen bin: Stellen Sie sich vor, meine Tochter hätte anstatt „Haarfarbe“ das Wort „Hautfarbe“ benutzt!- Mein Mann attestierte sowohl dem Tier als auch mir eine gewisse „Starrköpfigkeit“ -was ich so natürlich auf keinen Fall unterschreiben würde! (Im Geheimen und bei entspannter Stimmung mit Sektglas in der Hand würde ich ihm möglicherweise ein kleines Stück entgegenkommen, ich müsste aber dieses doch sehr in die verkehrte Richtung belastete Wort durch „bestimmt, “effektiv“ oder „beharrlich“ ersetzen dürfen)- und mein Sohn wird offenbar durch des Esels Gebrüll an meine Stimme erinnert…Naja!

Meine erste Regung führt mich zum „Tick des Esels“ und somit auch zu meinen „Verhaltensweisen“: Laut Geolino wateten Esel in früheren Zeiten, als man diese zum Lastenschleppen brauchte, nicht gerne durch Wasser oder Sumpf. So suchten sich diese grauen Tierchen also wann immer möglich eine Alternativroute (Brücke!). Interpretiere ich diese Begebenheit als kleine Parabel des Lebens gilt dies für mich genauso: Wasser oder Sumpf auf meinem Weg geht gar nicht… ich könnte nass werden, ausgleiten, durchdrehen, jemandem -zu fest- auf die Füsse oder in die Weichteile treten (immer aus Versehen natürlich, zum Beispiel beim Abglitschen!), versumpfen, stecken bleiben, versauern, verschrumpeln, mich zu fest anstrengen oder mit Unnötigem abplagen müssen…

Die hartnäckige Weigerung des Esels, mit Untiefen zu ringen wenn nicht unbedingt nötig, führte ihn also über eine Brücke zum Ziel, sicher und ohne kalte Füsse zu kriegen. Möglicherweise musste er ab und an das Unverständnis und den aufwallenden Ärger seiner menschlichen Begleiter ertragen, das könnte man sich durchaus vorstellen, nicht? Da das Langohr aber offenbar Träger der alltäglichen Hauptlasten war und ihm dies niemand streitig machen oder gar abnehmen wollte, steht sein Verhalten hier für mich als herrliches Beispiel seiner exzellenten Alltagsintelligenz! Judihui, ich werde mir die „Eselsbrücke“ und damit das Wort wohl bis auf Weiters merken können…immer dann, wenn ich über mein eigenes Verhalten schmunzeln und die Intention dahinter wertschätzen kann!

…zum Fünften

Sollten Sie irgendwann einmal in die bedauernswerte Lage kommen, von Ihrem Umfeld nicht die Dinge gesagt zu bekommen, welche Sie zu hören wünschen –möglicherweise, weil Sie sich zu blödsinnig riskanten Assoziationsexperimenten mit der Familie hinreissen liessen oder auch aus anderen Gründen-: Assoziieren Sie ruhig selbst! Kreieren Sie Ihre eigene Brücke und lassen Sie Ihren Esel gerade stehen. Versteigen Sie sich in wunderbar wohltuenden Vergleichen mit dem eigenen Selbst und spazieren Sie beim eigenen Wert vorbei! Sich ab und an auf die eigene Schulter zu klopfen ist herrlich wohltuend…!

Sollten Sie noch Fragen zu „Esels-Brücken“- oder sonstigen Assoziationen beantwortet haben wollen: Immer wieder gern! Schreiben Sie mir wieder, ich bin gespannt!

 verenadalena@bluewin.ch

Piiiiing!!

Piiiiiiiiing…Meine Haustürglocke gibt hartnäckige Geräusche von sich, ohne auf meine aktuelle Situation Rücksicht zu nehmen, die es mir UNMÖGLICH macht, jetzt genau in diesem Moment die Türe zu öffnen!

Piiiiiiing….Naja, eben NICHT!! Vielleicht öffnet sich die Türe von selbst? Oder meine „Mitbewohner“ fühlen sich vom Auftrag dieser Glocke angesprochen und bewegen sich aus ihren Zimmern? Oder der Boden öffnet sich unter „dem Läuter“ und verschluckt diesen?

Piiiiing…..Nein! Nichts dergleichen…das Abendessen (ver-?) brutzelt in der Pfanne, der Dampfabzug läuft auf Hochtouren, mein Sohn schreit nach Hausaufgabenhilfe, der Kühlschrank schrillt und will beachtet respektive geschlossen werden und ICH: SITZE AUF DER TOILETTE!! Und ich sitze da -im Fall- nur deshalb, weil ich…

  • offenbar fälschlicherweise dachte, dass ich -nachdem ich mit der „externen Arbeit“ für heute abgeschlossen, meine Tochter im Nachbardorf vom Malkurs abgeholt und auf der Hinfahrt gleich noch den Einkauf erledigt habe- die perfekten zwei Minuten für den WC Gang gefunden hätte: nämlich die, während derer unser Nachtessen in der Pfanne vollends gar werde…

und

  • ich nicht wie andere im Stehen pinkeln kann!

Piiiing!! Naja, ich erledige die Sache nun noch schneller als gedacht, Hände gewaschen, die Spülung gedrückt (LEISE, LEISE, „der Piiinger“ soll ja nicht mitbekommen, womit ich gerade beschäftigt war: unser Hauseingang befindet sich Nahe dem „Stillen Örtchen“…wobei wohl in dieser Situation Namen wie „Schnelles Rein-Sauserchen“ oder „Sekunden-Schüsselchen“ passender wären!)

Piiiiiiiing!!!!.…Ich reisse die Türe auf, mit vor Erregung und Geschwindigkeit bereits geröteten Wangen… und da stehen: Zwei Maskierte!!

Peng!!…. Türe gleich wieder zugeschlagen, in meinem Kopf sofort mein Leitsatz an meine Kinder, die von mir immer angehalten werden, zuerst das Fenster neben der Haustüre zu öffnen, um herauszufinden, ob Freund oder Feind an unserem Frieden kratzen!

Dann schaltet sich langsam mein Hirn ein -es sitzt womöglich noch auf der Toilette, es sind da drauf  ja letztendlich zwei Minuten eingeplant gewesen- und verdrängt die Reflexe ans Seitenfenster: Blick nach draussen. Bei den Maskierten handelt es sich um eine Frau mit Mann, deren Augen das einzig erkennbare Gesichtsteil ist -aufgrund Mundschutz und Kapuze- und die damit ziemlich ratlos auf die geschlossene Türe starren…

Piiiing!!

Naja, zum Abschluss der Geschichte zieht neben dem oben beschriebenen Lärm noch der Duft von verbranntem Abendessen durch unser Haus, die Katze der Nachbarin huscht durchs geöffnete Fenster in das -für sie- offenbar anheimelnde Durcheinander unseres abendlichen Familienlebens (ich bin starke Allergikerin, müssen Sie wissen: eine Katze im Haus bedeutet für mich zwei Wochen Asthma und die motivierende Aussicht auf eine sofortige akribische Putzaktion…) und die beiden Maskierten entpuppen sich als „wohlmeinende Bürger“, die mir berichten wollen, dass die Fahrräder meiner Kinder mit mindestens einem halben Hinterrad auf dem Gehsteig stünden…Und dies obwohl -wie diese helfenden Mitmenschen mir mit einer selbstbewussten Portion Ernsthaftigkeit versichern- wir ja einen genügend grossen Abstellplatz unser eigenen nennen würden. „Und zugesperrt sind die Velos auch nicht, die könnte ja jeder mitnehmen!“

Piiiiing!! Und das ist jetzt das Geräusch meiner Nervenstränge, die reissen!

Wenn ich vorbereitet gewesen wäre -das nächste Mal?- oder im Nachhinein hätte ich mich ganz bestimmt richtig souverän verhalten:

Ich hätte

  • den beiden Vermummten meine Haustüre weit geöffnet
  • mich sowohl mit einem kräftigen Händedruck als auch wort- und aerosolreicher Rede höflichst für diese solidarisch-altruistische Einsatzbereitschaft bedankt und
  • diese zwei mitdenkenden Gutmenschen vehement und anhaltend geherzt!

Naja, ich bin NICHT vorbereitet und befinde mich im Hier und Jetzt:

„RUUUUHHHHEEEEEEEEE!! Piiiiing!

SOOOFFFOOORT!!! Piiing!!

AAAALLLLLLEEEEEE! Piiiiiing!!“

Und nein: Schlimmeres -anspucken?!- hätte ich nie gemacht, im Fall! Wäre ja auch total unverhältnismässig gewesen, oder?!! Zum Glück -für andere?-habe ich mich selbst beim Ausrasten noch teilweise unter Kontrolle…was in diesem Sinne auch mein heutiges Resumé sein könnte…Zwinker!!

Sei ehrlich…

Aha! Da ist sie wieder, diese Ansage! Sei ehrlich! Mein Gott, wie ich diesen Satz blöd finde!!

Bei mir lösen diese Worte neben Unwohlsein und Brechreiz auch Widerstand aus und damit das Bedürfnis darüber eine Lanze zu brechen: Wie kommen wir eigentlich dazu, unseren Kindern, Partnern, Freunden oder weiteren Mitmenschen anzutragen, sie sollen ehrlich sein? Oder uns selbst? Ehrlich währt am längsten…wer hat diesen Blödsinn erfunden und vor allem weshalb?!

Warum um der Welt willen soll ich vor der Lehrperson zugeben, dass ich die Hausaufgaben nicht gemacht habe, weil ich lieber Netflix schauen wollte oder weshalb sollte ich ehrlich sagen, dass ich keine Lust auf einen Schwatz mit der Schwiegermutter habe, da mir deren Gedöns einfach zum Hals heraushängt?  Ehrlich gestehen, sich im Nasch-Kästchen an einer Tafel Schokolade vergriffen zu haben? Weshalb sollen wir solche Dinge ehrlich zugeben?

Meiner Ansicht nach wird Ehrlichkeit dann verlangt, wenn diese uns eine übergeordnete Position zum Gegenüber  (das können durchaus auch wir selbst sein, dann führen wir ein Zwiegespräch) beschert. Wir können dann gütig, herrisch oder grosszügig sein, auf jeden Fall aber verlangen wir vom Gegenüber einen Kniefall, ein ‚Sich-nackt-zeigen‘, ein bewusstes ‚Sich-stellen‘, um dann beurteilt (in manchen Fällen verurteilt) zu werden… gut, in Zeiten der Religionsherrschaften konnte man das ‚Sei-ehrlich‘ mit der Sünde der Lüge belegen (und was mit Sündern geschieht, wissen wir auch heute noch!)…aber in der heutigen Zeit? Weshalb sollten wir ehrlich sein und uns selber in die von andern zu bewertende Position begeben? ‚Die Karten aufdecken‘, ‚die Hüllen fallen lassen‘, sich echt zeigen‘? Weshalb eigentlich?

Was spricht denn gegen verdeckte Karten in der Hand, gegen ‚nicht-ganz-ehrlich? Ich laufe ja auch nicht bauchfrei durch die Gegend, damit alle sehen können, dass der Meinige nicht mehr ausschaut wie vor zwanzig Jahren! (Ich will das nicht tun und die andern das nicht sehen, glauben Sie mir!)

Ich kann selber entscheiden, ob ich der Schwiegermutter (und mir!) den Tag verderbe, indem ich ihr erkläre, ich hätte keine Lust auf einen Kaffee mit ihr oder der älteren Dame, total unehrlich, erkläre, dass gerade eben der Nachbar mich um einen Gefallen gebeten hat und ich deshalb jetzt keine Zeit habe…Ich kann, ebenfalls unehrlich, die Hausaufgaben am Morgen bei der Freundin abschreiben und so dem schulischen ‚Eintrag’ entgehen…den Schokoriegel ersetzen und niemandem davon erzählen…Unehrlichkeit kann mich und andere schützen, vor Tadel, Strafe, Ansehens- oder Selbstwertsverlust! 

Also, seien wir weniger dogmatisch, seien wir freundlicher, nachsichtiger mit uns und der Welt…lernen wir, zuerst uns selbst zu beurteilen  (vielleicht MUSSTE ich mir den Schokoriegel gönnen, obwohl anders geplant?! Vielleicht bin ich mit meinem schlechten Gewissen und dem Blick auf die Waage bereits genug ‚bestraft?) seien wir wohlwollender…wir sehen mit Kleidern doch gut aus, weshalb dann Nacktheit verlangen?

Ich werde in Zukunft sagen: ‚Sei Deiner Wahrheit verpflichtet, entscheide selbst und tu‘ dabei niemandem weh, füge keinem Schaden zu, auch Dir selbst nicht!

Sei unehrlich, wenns für Dich oder andere besser stimmt, pass‘ die Wahrheit Deinen Umständen an. Sei mutig, behaupte Dich selbst, lass‘ Dich nicht zum Schuldigen erklären, nur weil Du Deine Welt etwas farbiger, anders, kreativer und weniger angepasst gestalten oder selber ‚Chef‘ Deiner Wahrheit sein möchtest! Beurteile Dich selber und sei dabei wohlwollend, drück‘ ein-zweimal ein Auge zu!‘

Ha, ich gebe zu, das klingt nach Predigt…naja, dann vielleicht besser als 

Ansage des Tages:

‚Gestalte Deine Wahrheit, intelligent und freundlich!‘

Alles Krise..?

Wissen Sie, „Entspannung“, „ruhiger Friede“ und „angenehmes Plätschern“ waren für mich Worte, die mir in früheren Jahren ganz locker über die Lippen gingen…

Seit jeher hat meine Umgebung mich -zumindest in meinen „Erwachsenenjahren“- als sehr aktiven Menschen wahrgenommen…als 20jährige hatte ich meine Matur in der Tasche, steckte in einem Zwischenjahr vor dem Studium, das ich mit einer Ausbildung als Tanzpädagogin füllte, (da ich seit Jahren intensiv tanzte -Jazztanz, HipHop, Streetdance, Musical- wollte ich diese Tanzrichtungen auch unterrichten können, um mir mein Studium und meine „Eigenständigkeit“ zu finanzieren). Ich engagierte mich als Leiterin bei den Pfadfindern, gab Nachhilfestunden in Mathematik und Deutsch, arbeitete im Nebenverdienst als Putzfrau, als Tagesmami und an einer Hotelrezeption in einer kleinen Pension am Limmatquai in Zürich. Mein Studium der Psychologie und der Medienwissenschaften startete ich an der Universität Zürich in meinem 22. Lebensjahr.

Was viele nicht wussten (und ich damals ebenfalls nicht realisierte) war, dass ich dieses Level an (geselliger) Aktivität nur halten konnte, indem ich mich immer wieder ganz intensiv „einigelte“: ich zog mich zurück in meine Höhle (zu Beginn mein eigenes Zimmer, später dann meine eigene Wohnung), schloss die Fenster und Türen, manchmal auch die Läden, zog mich auf dem Bett, Sofa oder Boden liegend in meine diversen Fantasiewelten zurück. Das waren geschriebene Romane und Bücher, eigene Geschichten oder Träume…ich zog mich in Gedankenwelten zurück, in denen es ruhig und still war, keine Geräusche und Bewegungen von aussen eindrangen, stundenlang, wann immer möglich…und kam frisch regeneriert, aufgeladen und voller Möglichkeiten in die „reale“ Welt zurück…so fühlte ich mich GANZ, so konnte ich leben, ich fühlte mich wie ICH, war geerdet und gleichzeitig luftig leicht! Ich konnte ALLES erreichen!

Naja, Sie können sich vorstellen oder wissen es vielleicht aus eigener Erfahrung, dass dies mit eigener Familie leider kaum mehr möglich ist. Mit aller Kraft suche ich -trotz den (wie ich finde (meist) total berechtigten) Ansprüchen von Mann und Kindern an mich und meinen beruflichen Verpflichtungen- eine Stunde Zeit fürs Walken oder das wöchentliche Tanztraining oder eine halbe Stunde „Buch lesen“ oder auch mal ein GANZES Wochenende mit Freundinnen im Wellnesshotel…und ich erarbeite mir diese Zeit…immer wieder…dies ist mehr, als andere Mütter sich leisten können! Ich WEISS!

Oft brauche ich sehr viel Geduld und glasklare Weitsicht um zu verstehen, dass auch nacheinander gelebte Ereignisse durchaus genau zum richtigen Ziel führen. In meinem Fall, mich wieder mal luftig leicht und gleichzeitig geerdet zu fühlen, MICH zu spüren und ALLES zu erreichen…Naja, wenn ich dies so aufschreibe, wird mir klar, dass dies kein einfaches Unterfangen ist (und sehr psychologisch und philosophisch untermauert…was durchaus zu mir passt, schön!)

Meine Emotion und meine Bedürfnisse rufen da leider immer wieder dazwischen…dann raste ich aus: ich schreie, manchmal lautlos öfters schrill, öffne Fenster und Türen um Luft zu bekommen, ich kämpfe mit Fressattacken, fülle meinen Körper mit „Schwere“ wo ich doch eigentlich meine Seele mit „Ruhe“ füllen müsste…so fühle ich mich dann auch körperlich „schlecht“ wo doch eigentlich mein „Geist“ und meine seelische und energetische Balance aus dem Lot geriet…

Ich bekomme viele gute und auch verschiedentlich ganz schlechte Ratschläge, alle davon ungefragt und vermeintlich zur Lösung „meines Problems“ beitragend. Mein Problem heisst „das Leben“ und ist damit keins, ich lebe sehr gerne, kämpfe einfach ab und an mit „den Umständen“…Ebenso oft hören meine Freundinnen aber auch einfach zu, wenn ich mich über zu wenig „Friede“, zu viel „Lärm und Hektik“ und wenig „Entspannungsmöglichkeiten“ auslasse…

Ich bin nun „Ü40″…evolutionsbiologisch gesehen befinde ich mich deshalb gerechtfertigter Weise in der „Midlife-Crisis“; wobei ich es per se schon ziemlich vermessen finde, wenn man die Gedanken und das sich Befassen mit der eigenen Geschichte und Person, die (z.T. verzweifelten) Erkenntnisse über einen selbst und das Durchgehen von Möglichkeiten zu weiteren Lebensentwürfen so abwertend, brutal und irgendwie endgültig als „Krise“ bezeichnet.

Naja, ich lerne viel zur Zeit: über mich, meine Art der Welt zu begegnen…ich habe viel Verständnis gewonnen: für mich, meine Eigenarten, mein Wesen…ich habe neue Einsichten erhalten: in meine Welt, über meine Nächsten, meine Ideen..

Meine Überzeugung des Tages:

Krise ist das negative Wort für Herausforderung und diese der erste Schritt ins Wünsche orten und Pläne schmieden. Da läuft was! Zum Fürchten und Schön! Und nach dem „Laufen“ die „Entspannung“…ich freue mich darauf und kann es kaum erwarten!

Echt jetzt?

Gestern hat es um 6;58 an der Haustüre geläutet!! Neeiiiin….ach, der Kaminfeger…genau! Gestern noch daran gedacht, heute völlig vergessen, super! Bin im Pijama, ungekämmt, von geduscht oder „gemake-upt“ kann keine Rede sein, mein erster Kaffee steht ungetrunken und kalt neben der Kaffeemaschine…naja, ist halt so, Haustüre aufmachen muss ich trotzdem..

Seit Jahren besucht uns derselbe Kaminfeger, zweimal pro Jahr, ungefragt und unbestellt, weil’s einfach so sein muss…und dieser Typ nervt mich jedes Mal grenzenlos, mittlerweile bereits beim Anschauen, früher spätestens nach seinem ersten Satz: Er weiss alles besser und sowieso ganz eindeutig wie die Welt funktioniert: Kinder sollen nie zur Schule gefahren werden, Hecken gehören ende November geschnitten, Waschmaschinen kauft man im Fachgeschäft, Mikrowellen schaden der Gesundheit, „man“ soll immer selber und frisch kochen -dreimal dürfen Sie raten, wer mit „man“ gemeint ist!!- und wer seine Kinder verwöhnt ist selber schuld an deren späterem Scheitern im Leben. Ich kritisiere nicht (oder fast nicht), dass er eine Meinung vertritt, sondern dass er sie mir bereits morgens um sieben um die Ohren haut (eigentlich egal um welche Zeit, aber frühmorgens ist es definitiv nicht einfacher, dies aus zu halten) und ich dabei freundlich bleiben möchte. Im selben Moment dann ärgere ich mich des weiteren über mich, die ich ihm nicht einfach harsch übers Maul fahre und auf mein Hoheitsgebiet (es ist MEIN Zuhause!!) poche!

Nichts ist aber so unangenehm, wie den Ärger über sich selbst aus zu halten…deshalb schnell wieder den Fokus wechseln: Gestern musste ich mich dem zu Folge nicht nur über den Kaminfeger aufregen sondern auch noch über die Dame, die mich mit bösem Blick „getötet“ hat, weil ich im Supermarkt die erstgegriffene Clementine wieder zurück gelegt habe, da ich erst beim Anfassen bemerkte, dass sie weich und matschig war. Die Dame hat mich dann ganz gewaltig geärgert, weil die mit den Augen gewählte zweite Frucht nämlich ebenfalls matschig war und ich sie aber trotzdem eingepackt und mich nicht mehr getraut habe, unter diesem Blick nochmals etwas zurück zu legen…ärgerlich, diese Frau (oder ich!! aber eben!!). Und dann die Joggerin am Abend: joggt diese durchtrainierte, drahtige Mitfünfzigerin mit Stirnlampe und Neoprenanzug bei Minustemperaturen und Eisregen um 22.00 Uhr an unserem Fenster vorbei, als ich gerade im Begriff bin, erschöpft und ausgelaugt vom Tag, die Fensterläden zu schliessen und mir aus zu mahlen, dass ich nur noch ganz kurz den Geschirrspüler füllen, den Abfalleimer leeren und rausbringen und dann meine Tasche für den morgigen Arbeitstag packen muss und ich mich danach mit einem Glas Prosecco aufs Sofa und vor den Fernseher schmeissen kann…und dann das! Diese Joggerin hat mich gestern auf der Stelle wahnsinnig gemacht!! Muss ich das sehen?? Echt jetzt?!?!

Naja, mein Résumé des Tages: Nüchtern betrachtet sieht’s besoffen besser aus!!