Sei ehrlich…

Aha! Da ist sie wieder, diese Ansage! Sei ehrlich! Mein Gott, wie ich diesen Satz blöd finde!!

Bei mir lösen diese Worte neben Unwohlsein und Brechreiz auch Widerstand aus und damit das Bedürfnis darüber eine Lanze zu brechen: Wie kommen wir eigentlich dazu, unseren Kindern, Partnern, Freunden oder weiteren Mitmenschen anzutragen, sie sollen ehrlich sein? Oder uns selbst? Ehrlich währt am längsten…wer hat diesen Blödsinn erfunden und vor allem weshalb?!

Warum um der Welt willen soll ich vor der Lehrperson zugeben, dass ich die Hausaufgaben nicht gemacht habe, weil ich lieber Netflix schauen wollte oder weshalb sollte ich ehrlich sagen, dass ich keine Lust auf einen Schwatz mit der Schwiegermutter habe, da mir deren Gedöns einfach zum Hals heraushängt?  Ehrlich gestehen, sich im Nasch-Kästchen an einer Tafel Schokolade vergriffen zu haben? Weshalb sollen wir solche Dinge ehrlich zugeben?

Meiner Ansicht nach wird Ehrlichkeit dann verlangt, wenn diese uns eine übergeordnete Position zum Gegenüber  (das können durchaus auch wir selbst sein, dann führen wir ein Zwiegespräch) beschert. Wir können dann gütig, herrisch oder grosszügig sein, auf jeden Fall aber verlangen wir vom Gegenüber einen Kniefall, ein ‚Sich-nackt-zeigen‘, ein bewusstes ‚Sich-stellen‘, um dann beurteilt (in manchen Fällen verurteilt) zu werden… gut, in Zeiten der Religionsherrschaften konnte man das ‚Sei-ehrlich‘ mit der Sünde der Lüge belegen (und was mit Sündern geschieht, wissen wir auch heute noch!)…aber in der heutigen Zeit? Weshalb sollten wir ehrlich sein und uns selber in die von andern zu bewertende Position begeben? ‚Die Karten aufdecken‘, ‚die Hüllen fallen lassen‘, sich echt zeigen‘? Weshalb eigentlich?

Was spricht denn gegen verdeckte Karten in der Hand, gegen ‚nicht-ganz-ehrlich? Ich laufe ja auch nicht bauchfrei durch die Gegend, damit alle sehen können, dass der Meinige nicht mehr ausschaut wie vor zwanzig Jahren! (Ich will das nicht tun und die andern das nicht sehen, glauben Sie mir!)

Ich kann selber entscheiden, ob ich der Schwiegermutter (und mir!) den Tag verderbe, indem ich ihr erkläre, ich hätte keine Lust auf einen Kaffee mit ihr oder der älteren Dame, total unehrlich, erkläre, dass gerade eben der Nachbar mich um einen Gefallen gebeten hat und ich deshalb jetzt keine Zeit habe…Ich kann, ebenfalls unehrlich, die Hausaufgaben am Morgen bei der Freundin abschreiben und so dem schulischen ‚Eintrag’ entgehen…den Schokoriegel ersetzen und niemandem davon erzählen…Unehrlichkeit kann mich und andere schützen, vor Tadel, Strafe, Ansehens- oder Selbstwertsverlust! 

Also, seien wir weniger dogmatisch, seien wir freundlicher, nachsichtiger mit uns und der Welt…lernen wir, zuerst uns selbst zu beurteilen  (vielleicht MUSSTE ich mir den Schokoriegel gönnen, obwohl anders geplant?! Vielleicht bin ich mit meinem schlechten Gewissen und dem Blick auf die Waage bereits genug ‚bestraft?) seien wir wohlwollender…wir sehen mit Kleidern doch gut aus, weshalb dann Nacktheit verlangen?

Ich werde in Zukunft sagen: ‚Sei Deiner Wahrheit verpflichtet, entscheide selbst und tu‘ dabei niemandem weh, füge keinem Schaden zu, auch Dir selbst nicht!

Sei unehrlich, wenns für Dich oder andere besser stimmt, pass‘ die Wahrheit Deinen Umständen an. Sei mutig, behaupte Dich selbst, lass‘ Dich nicht zum Schuldigen erklären, nur weil Du Deine Welt etwas farbiger, anders, kreativer und weniger angepasst gestalten oder selber ‚Chef‘ Deiner Wahrheit sein möchtest! Beurteile Dich selber und sei dabei wohlwollend, drück‘ ein-zweimal ein Auge zu!‘

Ha, ich gebe zu, das klingt nach Predigt…naja, dann vielleicht besser als 

Ansage des Tages:

‚Gestalte Deine Wahrheit, intelligent und freundlich!‘

Alles Krise..?

Wissen Sie, „Entspannung“, „ruhiger Friede“ und „angenehmes Plätschern“ waren für mich Worte, die mir in früheren Jahren ganz locker über die Lippen gingen…

Seit jeher hat meine Umgebung mich -zumindest in meinen „Erwachsenenjahren“- als sehr aktiven Menschen wahrgenommen…als 20jährige hatte ich meine Matur in der Tasche, steckte in einem Zwischenjahr vor dem Studium, das ich mit einer Ausbildung als Tanzpädagogin füllte, (da ich seit Jahren intensiv tanzte -Jazztanz, HipHop, Streetdance, Musical- wollte ich diese Tanzrichtungen auch unterrichten können, um mir mein Studium und meine „Eigenständigkeit“ zu finanzieren). Ich engagierte mich als Leiterin bei den Pfadfindern, gab Nachhilfestunden in Mathematik und Deutsch, arbeitete im Nebenverdienst als Putzfrau, als Tagesmami und an einer Hotelrezeption in einer kleinen Pension am Limmatquai in Zürich. Mein Studium der Psychologie und der Medienwissenschaften startete ich an der Universität Zürich in meinem 22. Lebensjahr.

Was viele nicht wussten (und ich damals ebenfalls nicht realisierte) war, dass ich dieses Level an (geselliger) Aktivität nur halten konnte, indem ich mich immer wieder ganz intensiv „einigelte“: ich zog mich zurück in meine Höhle (zu Beginn mein eigenes Zimmer, später dann meine eigene Wohnung), schloss die Fenster und Türen, manchmal auch die Läden, zog mich auf dem Bett, Sofa oder Boden liegend in meine diversen Fantasiewelten zurück. Das waren geschriebene Romane und Bücher, eigene Geschichten oder Träume…ich zog mich in Gedankenwelten zurück, in denen es ruhig und still war, keine Geräusche und Bewegungen von aussen eindrangen, stundenlang, wann immer möglich…und kam frisch regeneriert, aufgeladen und voller Möglichkeiten in die „reale“ Welt zurück…so fühlte ich mich GANZ, so konnte ich leben, ich fühlte mich wie ICH, war geerdet und gleichzeitig luftig leicht! Ich konnte ALLES erreichen!

Naja, Sie können sich vorstellen oder wissen es vielleicht aus eigener Erfahrung, dass dies mit eigener Familie leider kaum mehr möglich ist. Mit aller Kraft suche ich -trotz den (wie ich finde (meist) total berechtigten) Ansprüchen von Mann und Kindern an mich und meinen beruflichen Verpflichtungen- eine Stunde Zeit fürs Walken oder das wöchentliche Tanztraining oder eine halbe Stunde „Buch lesen“ oder auch mal ein GANZES Wochenende mit Freundinnen im Wellnesshotel…und ich erarbeite mir diese Zeit…immer wieder…dies ist mehr, als andere Mütter sich leisten können! Ich WEISS!

Oft brauche ich sehr viel Geduld und glasklare Weitsicht um zu verstehen, dass auch nacheinander gelebte Ereignisse durchaus genau zum richtigen Ziel führen. In meinem Fall, mich wieder mal luftig leicht und gleichzeitig geerdet zu fühlen, MICH zu spüren und ALLES zu erreichen…Naja, wenn ich dies so aufschreibe, wird mir klar, dass dies kein einfaches Unterfangen ist (und sehr psychologisch und philosophisch untermauert…was durchaus zu mir passt, schön!)

Meine Emotion und meine Bedürfnisse rufen da leider immer wieder dazwischen…dann raste ich aus: ich schreie, manchmal lautlos öfters schrill, öffne Fenster und Türen um Luft zu bekommen, ich kämpfe mit Fressattacken, fülle meinen Körper mit „Schwere“ wo ich doch eigentlich meine Seele mit „Ruhe“ füllen müsste…so fühle ich mich dann auch körperlich „schlecht“ wo doch eigentlich mein „Geist“ und meine seelische und energetische Balance aus dem Lot geriet…

Ich bekomme viele gute und auch verschiedentlich ganz schlechte Ratschläge, alle davon ungefragt und vermeintlich zur Lösung „meines Problems“ beitragend. Mein Problem heisst „das Leben“ und ist damit keins, ich lebe sehr gerne, kämpfe einfach ab und an mit „den Umständen“…Ebenso oft hören meine Freundinnen aber auch einfach zu, wenn ich mich über zu wenig „Friede“, zu viel „Lärm und Hektik“ und wenig „Entspannungsmöglichkeiten“ auslasse…

Ich bin nun „Ü40″…evolutionsbiologisch gesehen befinde ich mich deshalb gerechtfertigter Weise in der „Midlife-Crisis“; wobei ich es per se schon ziemlich vermessen finde, wenn man die Gedanken und das sich Befassen mit der eigenen Geschichte und Person, die (z.T. verzweifelten) Erkenntnisse über einen selbst und das Durchgehen von Möglichkeiten zu weiteren Lebensentwürfen so abwertend, brutal und irgendwie endgültig als „Krise“ bezeichnet.

Naja, ich lerne viel zur Zeit: über mich, meine Art der Welt zu begegnen…ich habe viel Verständnis gewonnen: für mich, meine Eigenarten, mein Wesen…ich habe neue Einsichten erhalten: in meine Welt, über meine Nächsten, meine Ideen..

Meine Überzeugung des Tages:

Krise ist das negative Wort für Herausforderung und diese der erste Schritt ins Wünsche orten und Pläne schmieden. Da läuft was! Zum Fürchten und Schön! Und nach dem „Laufen“ die „Entspannung“…ich freue mich darauf und kann es kaum erwarten!